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Frauen sind Opfer!
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Dürfen Frauen auch als Täterinnen wahrgenommen werden ?
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Ein Beitrag von
Edna Hansen-Beckers, Sabine Seifert-Wieczorkowsky
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Tagtäglich lesen wir in der Presse wie Männer Frauen vergewaltigen, verprügeln, Amok laufen: „Stiefvater misshandelte 13 Jahre lang seine Stieftochter“ oder „Ehemann stach 10 mal mit einem Brotmesser auf seine Ehefrau ein“.
Wagen wir das gedankliche Experiment und übersetzen das Gelesene ins Weibliche: „Stiefmutter misshandelte 13 Jahre lang ihren Stiefsohn“ oder „Ehefrau stach 10 mal mit einem Brotmesser auf ihren Ehemann ein“.
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Wie wirkt das?
Dürfen wir Täterinnen mitdenken oder gilt eher die Devise: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“.
“Verführt” eine 30 jährige Frau einen 14 jährigen Jungen, so ist das kein sexueller Missbrauch. “Verführt” jedoch ein 30 jähriger Mann ein 14 jähriges Mädchen, ist das auf jeden Fall Missbrauch. Ein weiterer Mythos ist, dass Frauen ihre Kinder nur aus entschuldigter Überforderung heraus schlagen.
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Es gilt allgemein: “Frauen sind Opfer – Frauen sind gut“ und „Männer sind Retter oder Täter“.
Frauen als Täterinnen zu sehen, bringt unser Weltbild durcheinander, nicht nur in der feministischen Diskussion. Jüngst spielte sich in Familienkreis folgende Gesprächssituation ab: Zuerst war das allgemeine Thema Gewalt, Gewalt in der Schule, häusliche Gewalt, Gewalt durch Männer. Die Diskussion wurde immer intensiver bis zu dem Satz „auch Frauen schlagen ihre Kinder“. Darauf kam die prompte Antwort von einem Freund „na, das ist ja was völlig anderes!“ Ja, ist es das? An dieser Stelle brach die Diskussion abrupt ab.Daran wird deutlich, wie tabuisiert und bagatellisiert Gewaltausübung durch Frauen immer noch ist.
Hier zu Lande liegen kaum Forschungsergebnisse zum Thema Täterinnen vor. Mädchen und Jungen, die von Gewalt durch Frauen berichten, sind zahlenmäßig in der Minderheit. Wir gehen im sogenannten Hellfeld im Allgemeinen von ca. 10% bis 20% aus. Das Hellfeld ist nur die statistisch wahrgenommenen Gewalt. Das Dunkelfeld ist sicher größer. Hinzu kommt die steigende Zahl an gewalttätigen Mädchen.
Obwohl statistisch gesehen in der Minderheit, stellen Täterinnen eine Gruppe dar, die keinesfalls mehr vernachlässigt werden darf.
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Warum wollen wir als Frauen da nicht hin sehen?
Gerade wir Frauen haben bisher den Blick nur auf den Täter gerichtet. Die Täterarbeit haben wir in den letzten Jahren entweder zu Recht abgewiesen, denn das war und ist Aufgabe von Männern. Oder wir haben uns ihrer bemächtigt, um eben die Männer zu kontrollieren, die Täterarbeit anbieten.
Den Blick nun auf das eigene Geschlecht zu richten, löst Irritationen und Widerstand aus. Sie besteht in der Ja - aber - Haltung. Einerseits erkennen Frauen, die im Sozialbereich tätig sind, dass unbedingter Handlungsbedarf besteht, andererseits ist das Vakuum der Angst da, verbalisiert in dem verunsicherten Satz: „Wie viele Frauen sind es wirklich? Und warum tun sie das?“
Es ist eine Herausforderung sich diesen Fragen zu stellen, es zu benennen das auch Frauen gewalttätig sind, und sich auf die Suche nach Antworten zu begeben.
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Jetzt kommt die Anforderung auf uns zu, mit Täterinnen zu arbeiten.
Keine Frau, die mit Opfern von Gewalt arbeitet, egal ob Junge oder Mädchen, kann ernsthaft die Absicht haben, dass Gewaltausübung durch Frauen zum Familiengeheimnis wird. Öffentlich machen, kontroverse Diskussionen anregen, Ängste und Unsicherheiten benennen, damit sie Raum bekommen, muss das Ziel sein. Erst dann trauen sich Opfer über ihre Gewalterfahrung durch Täterinnen zu reden und erst dann können Frauen, die gesellschaftlich gesehen immer noch dem gängigen Bild einer friedfertigen, passiven und opferbereiten Frau zugeschrieben werden, als Täterinnen ernst genommen werden.
Gewalt bedeutet für uns jede körperliche Verletzung einer Person durch eine andere und die Androhung von physischer Gewalt. Diese Definition entspricht nahezu dem Alltagsverständnis, das Gewalt mit tätlicher Beeinträchtigung, also schlagen, treten, töten assoziiert wird. Kommen Handlungen wie Vergewaltigung, sexueller Missbrauch hinzu sprechen wir von sexualisierter Gewalt.
Ferner gehen wir davon aus, dass Gewalt grundsätzlich als intentionaler Handlungsbegriff zu verstehen ist. Das heißt, jeder Gewalthandlung liegt eine Entscheidung zur Gewalt zugrunde. Gewalt ist ein willentlicher, selbst zu verantwortender Akt!
Gewalt zerstört die Grundlage jeder Beziehung, denn Gewalt erzeugt Angst und Angst macht Vertrauen unmöglich. Gewalt zerstört somit die Opfer und die Täterinnen.
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Auch die Täterinnen bei häuslicher Gewalt zerstören das, was sie am meisten lieben – ihre Familie, ihre Beziehungen.
Gewalt ist kein Ausdruck von Überlegenheit oder gar Stärke, sondern von Hilflosigkeit. Diese Dynamik zu verstehen, bietet der Täterin die Möglichkeit konstruktive Verhaltensweisen zu lernen. Eigenen Grenzen zu erkennen, Überforderungen ernst zu nehmen, sind Wege aus der Gewalt. Denn Gewaltausübung ist Konfliktvermeidung und nicht Konfliktlösung!
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Der Gewinn ist eindeutig: Kontakt und Beziehung.
Zu erleben, dass Aggression nicht der Auslöser für gewalttätiges Handeln ist, ermöglicht die Chance Streit „zu lernen“. Nicht der Streit ist die Ursache von Gewalt, sondern die Streitvermeidung. Aggressionen sind notwendig, um sich auseinander zu setzen, um Ärger und Wünschen in offener direkter und konstruktiver Form Ausdruck zu verleihen. Trotz Emanzipation und Frauenbewegung fällt es vielen Frauen noch schwer, sich von den stereotypen, geschlechtsspezifischen zugeschriebenen Attributen, wie allumsorgend, friedfertig, schlichtend und zurückhaltend zu verabschieden damit ihr Ärger, ihre Wut, ihre Aggression überhaupt ins eigene Bewusstsein kommen dürfen.
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Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir Täterinnen ernst nehmen, und impliziert die Haltung ihr die Verantwortung für ihre Tat zu geben und nicht durch Verharmlosung die ausgeübte Gewalt herunterzuspielen. Verstehen, aber mit der Tat nicht einverstanden sein, ist die Grundvoraussetzung. Erst wenn die betroffenen Frauen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, ist ein weiteres professionelles Arbeiten mit ihnen möglich.
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Der konstruktive Beratungsprozess wird unterstützt durch eine wertschätzende und ressourcenorientierten Haltung von Seiten der Beraterin. Der frauenspezifische Gewaltkreislauf bildet in der Beratung ein Mosaikstein, der zum besseren Verständnis der Täterinnendynamik beiträgt. Die Frau erlangt Erkenntnisse, wieso sie gewalttätig ist und welcher Prozess unmittelbar nach der Tat in Gang gesetzt wird.
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Voraussetzung für diesen Beratungsweg ist die Haltung:
- Frauen nicht nur in der Position des Opfers zu sehen, sondern sie auch als Täterinnen mitzudenken, wahrzunehmen. - Jungen und Männer nicht nur in der Position als Täter, sondern auch als Opfer von weiblicher Gewalt wahrzunehmen.
Der gedankliche Spagat scheint schwierig, geraten doch vertraute Bilder ins Wanken, wenn frau die Unsicherheiten, die damit verbunden sind zulässt. Die Zweifel, die Ängste sind notwendig damit eine klare Haltung zur Frage der Täterschaft von Frauen entstehen kann. Erst wenn dies geschehen ist, können wir hinsehen und hinhören, wenn Mädchen, Jungen und Männer von ihren Missbrauchserfahrungen durch Frauen berichten. Erst dann hören wir ihre Ohnmachtserfahrungen, weil wir sie innerlich nicht nivellieren oder gar abwerten müssen, da wir es akzeptieren können, dass z.B. die männliche Erfahrung eine andere und gleichsam schlimme ist.
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